Wenn ein Waldbrand zum Sturm wird
Die Entstehung einer der bisher grössten Pyrocumulonimbus-Wolken über Europa und die Geschichte extremer Feuerkonvektion
Meteorologisches Novum für Frankreich
Im Sommer 2026 wurde Frankreich mit einem Phänomen konfrontiert, das bislang vor allem aus Australien, Nordamerika und Sibirien bekannt war: eine gewaltige Pyrocumulonimbus-Wolke, international als PyroCb bezeichnet und meteorologisch als Cumulonimbus flammagenitus klassifiziert.
Über einem extrem intensiven Waldbrand im Südwesten Frankreichs entwickelte sich aus einer aufsteigenden Rauch- und Hitzesäule eine eigenständige Gewitterwolke. Die Feuerfront erzeugte damit nicht mehr nur Wärme und Rauch, sondern begann, ihr eigenes lokales Wettersystem aufzubauen. Französische Einsatzkräfte bezeichneten ein solches Ereignis als bisher beispiellos im Land.
Eine Pyrocumulonimbus-Wolke entsteht, wenn ein Feuer so viel Energie freisetzt, dass heiße Luft mit enormer Geschwindigkeit aufsteigt. In dieser gewaltigen Konvektionssäule werden Rauchpartikel, Wasserdampf und Verbrennungsprodukte kilometerhoch transportiert. Erreicht die aufsteigende Luft ausreichend kalte Schichten der Atmosphäre, kondensiert der Wasserdampf und bildet eine Gewitterwolke.
Das Ergebnis ist ein paradoxes Phänomen: Das Feuer erzeugt ein Gewitter, und das Gewitter kann wiederum das Feuer verstärken. Durch starke Abwinde, trockene Fallwinde und eigene Blitzentladungen kann eine Pyrocumulonimbus-Wolke neue Brandherde entstehen lassen und die Ausbreitung eines Feuers unberechenbarer machen.
Hiroshima 1945: Eine der frühesten dokumentierten Feuerwolken
Eine der bekanntesten historischen Feuerwolken entstand nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima in Japan am 6. August 1945. Die Explosion erzeugte zunächst eine extreme Hitzestrahlung. Die Temperaturen in unmittelbarer Nähe des Explosionszentrums erreichten mehrere tausend Grad Celsius. Tausende Gebäude aus Holz und Papier entzündeten sich nahezu gleichzeitig.
Über der Stadt entstand eine gewaltige aufsteigende Säule aus heißer Luft, Rauch und Asche. Diese Erscheinung ähnelte einer durch Feuer erzeugten Konvektionswolke – einer frühen Form dessen, was heute als Pyrocumulus beziehungsweise Pyrocumulonimbus verstanden wird.
Der entscheidende Faktor war die enorme gleichzeitige Freisetzung von Wärmeenergie.
Brandbomben und die Entwicklung von Feuerstürmen in Kriegen
Im 20. Jahrhundert wurden Brandwaffen entwickelt, deren Ziel es war, großflächige Feuer zu erzeugen. Besonders im Zweiten Weltkrieg wurden ganze Städte mit Brandbomben angegriffen. Dabei kamen unter anderem Brandmittel zum Einsatz, die die Entstehung großer Feuer begünstigen. Die extremen Feuerstürme von Hamburg 1943, Dresden 1945 und Tokio 1945 entstanden aber nicht allein durch Brandstoffe, sondern durch das Zusammenspiel aus einer großen Zahl gleichzeitig brennender Gebäude, der dichten Bebauung, Sauerstoffzufuhr durch starke Aufwinde und enormer Wärmefreisetzung.
Bekannte Großereignisse
- Bombardierung von Hamburg („Operation Gomorrha“, 1943): erzeugte einen der bekanntesten Feuerstürme des Zweiten Weltkriegs.
- Bombardierung von Dresden (1945): Kombination aus Spreng- und Brandbomben führte zu einem verheerenden Feuersturm.
- Bombardierung Tokios (1945): großflächiger Einsatz von Brandbomben gegen eine überwiegend aus Holz gebaute Stadt.
Das Prinzip ähnelt in physikalischer Hinsicht modernen Megabränden: Sobald eine Feuerfläche eine kritische Energieschwelle überschreitet, kann sie ihre eigene Dynamik entwickeln.
Pyrocumulonimbus-Ereignisse der vergangenen 20 Jahre
Kanada 2023
Die Waldbrandsaison 2023 war außergewöhnlich. Wissenschaftliche Auswertungen berichten von rund 140 beobachteten Pyrocumulonimbus-Ereignissen in Kanada, einem Großteil der weltweit registrierten PyroCb-Aktivität dieses Jahres.
Australien – Black Summer 2019/2020
Die australischen Buschbrände gelten als eines der extremsten Pyrocumulonimbus-Ereignisse der modernen Satellitenära. Während der Feuerperiode 2019/2020 wurden 35 PyroCb-Wolken beobachtet. Mehr als die Hälfte der dokumentierten Feuergewitter transportierte Rauchpartikel direkt in die Stratosphäre.
Besonders außergewöhnlich:
- Rauch wurde bis etwa 35 Kilometer Höhe transportiert.
- Eine riesige Rauchwolke umkreiste Teile der Südhalbkugel.
- Es entstanden eigene atmosphärische Strukturen.
Sichuan, China, 2020 und 2022
Die Waldbrände haben laut chinesischen Wetterämtern PyroCb bis 14 Kilometer Höhe erzeugt.
Kalifornien 2018–2020
Mehrere Großbrände in Kalifornien entwickelten Pyrocumulonimbus-Wolken:
- Carr Fire (2018)
- Mendocino Complex Fire (2018)
- Creek Fire (2020)
Beim Creek Fire 2020 entstand eine besonders eindrucksvolle Feuerwolke mit extremen Aufwinden und gefährlichen Windveränderungen.
Kanada, British Columbia 2017
Die kanadische Waldbrandsaison 2017 erzeugte einige der stärksten bekannten PyroCb-Ereignisse. Die Feuer waren so intensiv, dass Rauch und Hitze bis in große Höhen transportiert wurden. Die Ereignisse wurden später mit den australischen Bränden 2019/2020 verglichen.
Schwarzer Samstag, Victoria, Australien (Januar/Februar 2009)
Extreme Buschfeuer erzeugten gewaltige PyroCb-Türme, die so viel Energie freisetzten, dass sie das Wettergeschehen über hunderte Kilometer dominierten.
Ereignisse seit den 1980ern
8. Mai 1987: „Great China Fire“, Nördliche Mongolei, China
10. Sep 1988: Yellowstone National Park, Wyoming, USA
21. Jun 1991: Baie-Comeau Fire, Quebec, Kanada
5. Aug 1998: Norman Wells, Northwest Territories, Kanada
27. Sep 1998: Khabarovsk, Russland
23. Aug 1998: Khabarovsk, Russland
27. Aug 2000: Jasper Fire, Black Hills National Forest, South Dakota, USA
19. Aug 2000: Idaho, USA
29. Mai 2001: Chisholm Fire, Alberta, Kanada – sehr stark mit AI 29.9
10. Jun 2002: Hayman Fire, Colorado, USA
19. Jun 2002: Hayman Fire, Colorado, USA
20. Jun 2002: Rodeo-Chediski Fire, Arizona, USA
18. Dez 2002: Victoria, Australien – Big Desert Wilderness Park
27. Jan 2003*: Südost-Australien
1. Feb 2003: Südost-Australien
19. Jan 2003: Canberra Bushfires, Australien – erzeugte F3 Feuertornado
4. Mai 2003: Ost-Russland
6. Mai 2003: Ost-Russland
18. Aug 2003: Conibear Lake Fire, Wood Buffalo National Park, Kanada
Systematische Satelliten-Beobachtung gab es vor 1987 kaum. Das bekannteste frühe Ereignis ist Hiroshima 1945. Besonders seit 2002 gab es einen starken Anstieg. Der Guinness Rekord: „Meiste PyroCb in einem Sommer“ war 2002 in USA/Kanada. Auslöser sind große Waldbrände, Vulkane, und Atombomben-Firestorms. Die Wissenschaft hat sie erst in den letzten 20 Jahren untersucht, deshalb ist die Liste vor 2000 kurz. Seit „Black Summer“ 2019/20 in Australien wird weltweit genauer hingeschaut. Bis 2010 wurden viele asiatische Brände nicht in den westlichen Satelliten-Datenbanken wie TOMS/SAGE II ausgewertet. China selbst veröffentlicht PyroCb-Daten erst seit ein paar Jahren.
Eine neue Ära der Feuerdynamik
Die zunehmende Häufigkeit extremer Pyrocumulonimbus-Ereignisse zeigt eine neue Dimension moderner Großbrände. Viele Ereignisse entstehen und vergehen innerhalb weniger Stunden. Satellitenbeobachtungen seit den letzten Jahrzehnten ermöglichen erstmals eine systematische Erfassung der Feuergewitter. Eine weltweite Inventarisierung seit 2013 zeigt die zunehmende Bedeutung dieser extremen Feuer-Atmosphäre-Kopplung.
Forscher haben errechnet, dass die in Zentralspanien wütenden Waldbrände im Sommer 2026 eine Wärmeenergie freigesetzt haben, die der von 28 Hiroshima-Atombomben entspricht. Eine Pyrocumulonimbus-Wolke entstand dort aber nicht.
Eine Pyrocumulonimbus-Wolke ist kein gewöhnlicher Rauchpilz. Sie ist ein Zeichen dafür, dass ein Feuer eine Größenordnung erreicht hat, bei der es mit der Atmosphäre interagiert. Das Feuer hört auf, nur eine Landschaft zu zerstören. Es beginnt, sein eigenes Wetter zu erzeugen.
Die größten Waldbrände der letzten 20 Jahre in Frankreich
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- Die Brände im Departement Gironde (Juli 2026): Infolge extremer Hitzewellen wütete nahe der Atlantikküste südwestlich von Bordeaux der folgenschwerste „Mega-Brand“ der jüngeren Geschichte. Allein in einer Woche verbrannten über 42.000 Hektar Wald. Zehntausende mussten evakuiert werden.
- Der Brand in den Corbières (August 2025): Im Süden Frankreichs zerstörte ein massives Feuer mehr als 16.000 Hektar Land. Die Behörden bezeichneten es damals als das schwerste Einzelbrandereignis seit 1949.
- Die Brände von Landiras und La Teste-de-Buch (Sommer 2022): Ebenfalls in der waldreichen Region Gironde verbrannten bei Großfeuern knapp 30.000 Hektar. Das Feuer in Landiras erstreckte sich dabei über 12.500 Hektar.
- Der Brand von Gonfaron / Massif des Maures (August 2021): Im Hinterland der Côte d’Azur im Departement Var vernichtete ein verheerendes Feuer rund 7.000 Hektar wertvoller Natur- und Waldfläche.
Ein neuer historischer Rekord
Das Jahr 2026 hat alle bisherigen Statistiken der Satellitenmessungen gesprengt. Durch extreme Bodentrockenheit und Hitze verbrannten in Frankreich bereits bis Ende Juli 2026 rund 100.000 Hektar Fläche. Das übertrifft das ohnehin katastrophale bisherige Rekordjahr 2022 (ca. 72.000 Hektar) deutlich und entspricht mehr als dem Fünffachen des langjährigen 20-Jahres-Durchschnitts.
Die Jahresdurchschnittstemperatur in Frankreich ist in den vergangenen 20 bis 25 Jahren um knapp 1,1 Grad Celsius gestiegen (mit einer langfristigen Erwärmungsrate von etwa 0,46 Grad Celsius pro Jahrzehnt).
Die Daten des nationalen Wetterdienstes Météo-France zeigen, dass sich dieser Trend vor allem seit den letzten Jahrzehnten extrem beschleunigt hat. Frankreich erwärmt sich dabei rund 30 Prozent schneller als der globale Durchschnitt. Die Jahre 2022 und 2023 gehörten zu den wärmsten seit Beginn der Messungen, gefolgt von einer historisch intensiven Hitzewelle im Sommer 2026, die landesweit neue Temperaturrekorde aufgestellt hat.
Bilder: KI generierte Nachbildungen einer Pyrocumulonimbus-Wolke über dem Buschfeuer in Australien 2019/20
